Was zwei Jahre Vanlife über Entscheidungen lehren
Die schwierigsten Entscheidungen entstehen oft nicht im Kopf. Sondern dort, wo wir den Kontakt zu unseren eigenen Bedürfnissen verloren haben.

Vor ein paar Tagen stand ich vor einer ziemlich banalen Entscheidung.
Fahre ich mit der Fähre zurück nach Deutschland oder nehme ich den Landweg mit ein paar Zwischenstopps?
Eigentlich keine große Sache.
Sollte man meinen.
Ich habe gerechnet, Strecken verglichen und Preise angeschaut. Ich habe überlegt, welche Route schöner wäre, welche praktischer und welche sich entspannter anfühlen würde.
An einem Tag war ich überzeugt, dass die Fähre genau das Richtige ist. Einen Tag später wollte ich plötzlich doch lieber den Landweg fahren. Dann wieder zurück.
Je länger ich darüber nachdachte, desto unklarer wurde alles.
Irgendwann habe ich mich sogar gefragt, ob ich einfach wankelmütig bin.
Das hat mich wirklich irritiert. Schließlich treffe ich seit zweieinhalb Jahren ständig Entscheidungen. Ich lebe in meinem Bus, fahre durch Europa und muss fast täglich neu entscheiden, wo ich bleibe, wann ich weiterfahre oder ob ich einen Plan wieder über den Haufen werfe. Warum brachte mich ausgerechnet diese Entscheidung so ins Schleudern?
Während ich mit einer Freundin darüber gesprochen habe, fragte sie irgendwann ganz schlicht: „Was brauchst du eigentlich gerade?"
Ich war einen Moment still.
In diesem Moment wurde mir klar, dass es nie um die Route gegangen war.
Ich brauchte einfach Ruhe.
Die Antwort lag nicht auf der Landkarte.
Nach den letzten Monaten hatte ich keine Sehnsucht nach einem weiteren Roadtrip mit ständig wechselnden Orten. Ich wollte keine neuen Eindrücke sammeln und auch keine besonders spektakuläre Rückreise erleben. Ich wollte einfach einen ruhigen Übergang zurück nach Deutschland, dann ein paar Tage für mich und das Gefühl, langsam wieder anzukommen.
Plötzlich war die Entscheidung ganz einfach.
Nicht, weil die Fähre objektiv die bessere Wahl gewesen wäre, sondern weil ich endlich verstanden hatte, worum es eigentlich ging.
Seitdem lässt mich dieser Gedanke nicht mehr los.
Ich habe viele Jahre geglaubt, dass ich mich mit Entscheidungen schwertue. Während ich diesen Artikel schreibe, beginne ich daran zu zweifeln.
Vielleicht hatte ich nie ein Entscheidungsproblem.
Vielleicht habe ich mir einfach viel zu selten die Frage gestellt, was ich eigentlich brauche.
Als ich noch verheiratet war, haben wir die letzten Jahre fast jeden Urlaub mit dem Motorrad verbracht. Damals hätte ich wahrscheinlich gesagt, dass wir uns eben gemeinsam dafür entschieden haben. Heute sehe ich das anders.
Wenn ich ehrlich bin, weiß ich gar nicht, ob ich diese Art Urlaub damals überhaupt noch wollte. Mir war wichtig, dass mein Mann zufrieden war. Dass ihm der Urlaub gefiel.
Seine Bedürfnisse hatte ich sehr klar vor Augen. Meine eigenen dagegen erstaunlich selten.
Nicht, weil ich sie bewusst unterdrückt hätte. Ich glaube, ich hatte einfach verlernt, sie überhaupt wahrzunehmen.
Was wenn du gar kein Entscheidungsproblem hast?
Und während ich das schreibe, frage ich mich, wie viele Entscheidungen du gerade mit dir herumträgst – ohne dir diese eine Frage gestellt zu haben.
Vielleicht überlegst Du seit Wochen, ob du den Job wechseln sollst. Oder vielleicht geht es um die Frage trennen oder bleiben. Oder wohin der nächste Urlaub gehen soll.
Du vergleichst Möglichkeiten, sammelst Argumente und hoffst, dass irgendwann die eine richtige Antwort auftaucht. Gleichzeitig wird alles immer komplizierter und du fragst dich irgendwann, warum dir Entscheidungen so schwerfallen.
Vielleicht liegt die Schwierigkeit aber gar nicht in der Entscheidung.
Vielleicht beginnt sie viel früher.
Alte Muster verschwinden nicht über Nacht
Vor ein paar Minuten musste ich darüber schmunzeln. Im September habe ich drei Wochen Urlaub und ich kann dir gar nicht sagen, wie oft ich das Reiseziel inzwischen geändert habe.
Erst war ich bei Sardinien, dann bei Griechenland, danach plötzlich in Vietnam oder Thailand, weil Europa auf einmal gar nicht mehr spektakulär genug schien. Im Moment ist es Korsika. Mal sehen, was es morgen ist.
Früher hätte ich wahrscheinlich wieder gesagt, dass ich mich einfach nicht entscheiden kann.
Heute merke ich, dass ich schon wieder dabei bin, Reiseziele miteinander zu vergleichen, ohne mir vorher die viel wichtigere Frage zu stellen.
Wonach sehne ich mich nach diesen Monaten eigentlich wirklich?
Brauche ich Abenteuer?
Brauche ich Ruhe?
Brauche ich Natur?
Brauche ich Menschen?
Oder möchte ich einfach drei Wochen lang morgens aufwachen, ohne auf die Uhr zu schauen?
Bevor der Kopf übernimmt
Ich begleite seit vielen Jahren Menschen in Lebensumbrüchen. Bisher dachte ich oft, dass es bei meiner Arbeit vor allem um Entscheidungen geht. Während ich diesen Artikel schreibe, verändert sich auch dieser Gedanke ein Stück.
Vielleicht beginnt Veränderung gar nicht mit einer Entscheidung.
Vielleicht beginnt sie damit, den Kontakt zu den eigenen Bedürfnissen wiederzufinden.
Wann hast du dir diese Frage zuletzt wirklich gestellt?"
Deine Claudia

Wenn dieser Gedanke noch ein wenig in dir nachhallt...
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