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Marinas Geschichte- Der Weg zur Entscheidung

  • 11. Aug.
  • 4 Min. Lesezeit

Wenn der Körper anfängt, die Wahrheit zu sagen



Irgendwann war da dieser Moment, an dem ich mir eingestehen musste: Nicht mein Kopf bestimmte mehr, was in meinem Leben los war. Mein Körper hatte längst begonnen zu sprechen.


Damals war ich seit über zwanzig Jahren verheiratet. Ich hatte meine Kinder großgezogen, einen Beruf, in dem mich meine Kollegen schätzten, ein Elternhaus, das ich sehr aufwendig restauriert und renoviert habe. Mein ganzes Leben, meine Zeit und mein Geld steckten darin.


Von außen sah alles nach einem guten Leben aus.

Und lange habe ich selbst geglaubt, dass es genau das war.


Monatelang hatte ich mit denselben Fragen gerungen: Bin ich zu anspruchsvoll? Zu unzufrieden? Zu undankbar? Ich hatte doch eigentlich alles, was man sich wünschen kann. Warum war ich dann nicht glücklich?

Ich machte mir selbst Vorwürfe und funktionierte einfach weiter. Weitermachen. Durchhalten. Aushalten. Während ich nach außen meinen Alltag lebte, drehten sich meine Gedanken unaufhörlich im Kreis. Immer dieselben Fragen. Nie eine Antwort.


Die Erkenntnis, die alles veränderte


Irgendwann waren es nicht mehr nur Gedanken. Es waren Enttäuschungen geworden, die so groß waren, dass ich sie weder schönreden noch ignorieren konnte. Mein Körper begann für mich zu sprechen, weil ich selbst es nicht mehr tat. Erst leise. Dann immer lauter. Migräne. Schwindel. Durchfall. Schlafstörungen. Konzentrationsprobleme. Wortfindungsstörungen.


Und darunter etwas, das sich kaum beschreiben lässt: eine Traurigkeit, die sich anfühlte wie ein langsamer Rückzug aus meinem eigenen Leben.

Wo war meine Freude geblieben? Wann hatte ich das letzte Mal aus vollem Herzen gelacht? Das war nicht mehr ich.


Jeder Tag fühlte sich wie ein Kampf an. Ich konnte kaum noch frei atmen und gleichzeitig hätte ich am liebsten geschrien: Seht mich. Hört mich. Liebt mich.

Natürlich tat ich das nicht. Ich schluckte alles herunter. Um des lieben Friedens willen.

Nur war es gar nicht mein Frieden. In mir tobte längst ein Krieg.


Ich war so überzeugt davon, dass mit mir etwas nicht stimmte, dass ich mich schließlich selbst für sechs Wochen in eine geschlossene psychiatrische Einrichtung einweisen ließ. Ich wollte wieder funktionieren. Wieder die Alte werden. Danach machte ich gewissenhaft jede Übung, setzte alles um und hoffte, dass endlich wieder alles gut werden würde.


Heute weiß ich, warum das nicht funktionieren konnte.

Es lag gar nicht an mir.

Es lag daran, dass ich versuchte, mich an ein Leben anzupassen, das längst aufgehört hatte, mein eigenes zu sein.


Der erste Schritt zurück zu mir


Aufgeben? Nein.

Etwas verändern? Ja.

Das war der erste Schritt zurück zu mir.

Nur womit fängt man an, wenn das ganze Leben auf dem Prüfstand steht? Es gibt kein Handbuch. Keine Landkarte. Niemand sagt dir, welchen Stein du zuerst aus diesem Berg herauslösen sollst.


Aufschreiben war eigentlich nie mein Ding. Aber ich musste dieses Gedankenknäuel aus meinem Kopf herausbekommen. Sichtbar machen. Solange alles nur in meinem Kopf stattfand, arbeiteten meine Gedanken mit mir – nicht ich mit ihnen.

Also begann ich ganz nüchtern mit einer Pro-und-Contra-Liste.

Wie ist der Ist-Zustand? Was kann ich verändern? Was liegt außerhalb meines Einflusses? Welche Konsequenzen hätte jede Entscheidung?

Diese Liste entstand nicht an einem Nachmittag. Sie wuchs über Wochen. Mit jeder neuen Erkenntnis. Mit jeder kleinen Entscheidung.

Und sie zwang mich dazu, mein Leben anzusehen, wie es war – nicht wie ich es mir jahrelang erklärt hatte.


Diese Ehrlichkeit war sehr schmerzhaft.


Aber sie machte etwas möglich, was vorher unmöglich schien. Ich wusste plötzlich nicht nur, dass sich etwas ändern musste. Ich wusste auch, dass ich nicht länger warten wollte.


Natürlich hing an dieser Entscheidung ein ganzer Rattenschwanz: Haus, Wohnung, Auto, Möbel, Anwälte, Familie, Kinder. Es fühlte sich an, als müsste ich einen Berg versetzen. Manchmal dachte ich: Das schaffe ich nie. Dann fragte ich mich: Und was wäre der Preis, wenn ich es nicht tue? Zurück in meinen goldenen Käfig? Nein.


Aus einem Berg wurden viele kleine Schritte


Also ging ich weiter. Schritt für Schritt.

Ich erfand für mich eine ganz einfache Methode: eine imaginäre Spielkarte. Auf der einen Seite stand JA, auf der anderen NEIN. Immer wenn ich vor einer Entscheidung stand, hielt ich sie innerlich hoch. Sah mein Gegenüber ein Ja, bedeutete das für mich oft ein Nein zu mir selbst. Dann wusste ich, dass es die falsche Entscheidung war.

So wurde aus einem riesigen Berg eine Reihe kleiner Schritte. Und mit jedem Schritt passierte etwas Erstaunliches. Meine Gedanken wurden klarer. Meine Gefühle kamen zurück.

Ich hatte wieder das Gefühl, dass ich mich selbst spüren konnte.


Meine Kinder holte ich bewusst mit ins Boot. Wir setzten uns gemeinsam an einen Tisch. Sie waren sechzehn Jahre alt und wussten längst, dass etwas nicht stimmte. Dieses Gespräch gehört bis heute zu den wichtigsten unseres Lebens. Danach gab es für mich kein Zurück mehr.

Kurz darauf fand ich eine Wohnung. Zum ersten Mal seit Jahren konnte ich wieder frei atmen. Mein Bauch war wieder mein Kompass. Nicht weil er mir Antworten gab, sondern weil ich ihm endlich wieder zuhörte.


Ich dachte damals, die schwerste Entscheidung läge hinter mir.

Ich sollte mich irren.

Denn die eigentliche Prüfung begann erst danach.


Fortsetzung folgt...



Ich veröffentliche Marinas Geschichte hier, weil sie zeigt, was nach einer Trennung möglich ist, wenn man nicht versucht, das alte Leben wiederherzustellen, sondern den Mut hat, ein neues zu beginnen.


Deine Claudia



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