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Wer hat dir eigentlich gesagt, dass du das nicht darfst?

22. Juni
3 Min. Lesezeit

Über die Erwartungen anderer, übernommene Maßstäbe und die Erlaubnis, das eigene Leben zu leben.





Ich glaube, viele Menschen warten nicht auf Klarheit. Nicht auf Mut. Nicht auf den richtigen Zeitpunkt. Sie warten auf etwas viel Banaleres: auf Erlaubnis.


Das klingt zunächst merkwürdig. Schließlich sind wir erwachsen. Niemand entscheidet mehr darüber, wann wir nach Hause kommen, welche Kleidung wir tragen oder welchen Beruf wir ergreifen. Und trotzdem scheint diese unsichtbare Instanz in vielen von uns noch erstaunlich lebendig zu sein.

Sie zeigt sich in den kleinen Momenten des Alltags. In dem Moment, in dem wir erschöpft sind, aber trotzdem zusagen. In dem Moment, in dem wir eine Grenze spüren und sie dennoch übergehen. In dem Moment, in dem wir etwas anderes wollen als die Menschen um uns herum und sofort beginnen, uns dafür zu rechtfertigen.


Kurz gesagt: Wir warten auf die Erlaubnis jemanden zu enttäuschen. Auf die Erlaubnis, die eigene Meinung zu ändern oder ein Leben loszulassen, das von außen betrachtet völlig vernünftig aussieht. Vor allem aber warten wir auf die Erlaubnis, uns selbst wichtiger zu nehmen als die Erwartungen anderer.



Wer hat eigentlich das Sagen?


Das Merkwürdige daran ist, dass den meisten gar nicht bewusst ist, dass sie warten.

Die meisten Menschen würden wahrscheinlich nicht sagen, dass ihnen die Erlaubnis fehlt.

Sie würden wahrscheinlich sagen, sie seien vernünftig, verantwortungsbewusst oder rücksichtsvoll. Vielleicht würden sie erklären, dass jetzt einfach nicht der richtige Zeitpunkt ist oder dass andere Menschen sie brauchen.


Und genau deshalb bleibt oft unsichtbar, was darunter eigentlich passiert.

Je länger ich Menschen beobachte, desto mehr habe ich das Gefühl, dass sich hinter vielen dieser Begriffe etwas anderes verbirgt: die Angst, den Erwartungen anderer nicht zu entsprechen.



Die gute Freundin, der gute Partner, der gute Mensch


Die wenigsten bemerken, wie stark diese Bilder ihr Leben beeinflussen. Denn wer möchte schon eine schlechte Freundin sein? Wer möchte egoistisch wirken? Wer möchte andere enttäuschen?


Viele von uns orientieren sich an Maßstäben, die sie nie bewusst gewählt haben.

Irgendwann haben wir beschlossen, dass es wichtig ist, verständnisvoll zu sein, zuverlässig, hilfsbereit, stark oder vernünftig. Genauer gesagt haben wir das wahrscheinlich nie beschlossen. Wir haben es übernommen. Von unseren Eltern, unserem Umfeld, unserer Kultur oder einfach von dem, was uns Anerkennung eingebracht hat.

Mit den Jahren wurden diese Maßstäbe so selbstverständlich, dass wir irgendwann aufhörten zu bemerken, dass sie gar nicht unsere eigenen sein müssen.


Irgendwann verschiebt sich der innere Fokus fast unmerklich. Die Frage „Was brauche ich eigentlich?" tritt einen Schritt zurück, während die Frage „Was wird von mir erwartet?" immer mehr Raum einnimmt. So unauffällig, dass viele Menschen den Unterschied gar nicht bemerken. Sie leben ihr Leben, treffen Entscheidungen, übernehmen Verantwortung und funktionieren nach außen oft hervorragend. Gleichzeitig verlieren sie zunehmend den Kontakt zu dem, was ihnen selbst wichtig ist.



Der Preis der Anpassung


Was dann bleibt, ist ein seltsames Gefühl, das sich schwer benennen lässt.

Keine Katastrophe. Kein offensichtlicher Grund zur Klage. Eher eine stille Erschöpfung – das Ergebnis jahrelanger kleiner Anpassungen, die jede für sich so vernünftig wirkten. Man hat sich zurechtgebogen, immer wieder, so oft, dass man irgendwann nicht mehr genau weiß, wie die eigene ursprüngliche Form eigentlich war.


Und genau an diesem Punkt entsteht das Warten auf Erlaubnis.

Nicht weil man schwach wäre. Sondern weil man sich so lange an fremden Maßstäben orientiert hat, dass die eigenen irgendwie ihre Gültigkeit verloren haben. Als bräuchten sie eine Unterschrift von außen, bevor sie zählen dürfen.



Wann haben wir eigentlich aufgehört, uns selbst zu glauben?


Niemand hat sich hingesetzt und beschlossen, die eigenen Maßstäbe weniger wichtig zu nehmen als die der anderen. Es ist einfach passiert. Schritt für Schritt, Anpassung für Anpassung, bis das, was einem selbst wichtig ist, irgendwie unter ferner liefen gelandet ist – als wäre es ein Luxus, der erst dran ist, wenn alle anderen versorgt sind.


Dabei ist ein Leben nach den eigenen Maßstäben kein Egoismus. Es ist auch kein Luxus , der erst erlaubt wird, wenn alle anderen versorgt sind. Es ist schlicht das Einzige, was am Ende tatsächlich als das eigene Leben zählt.


Die Erlaubnis, auf die du wartest, wird nicht kommen. Nicht vom Partner, der endlich versteht. Nicht von der Familie, die irgendwann aufhört, Erwartungen zu haben. Nicht vom Umfeld, das nickt und sagt: jetzt ist es okay.


Freiheit beginnt nicht dort, wo andere aufhören, Ansprüche zu stellen. Sie beginnt dort, wo du aufhörst, dein eigenes Leben zur Genehmigung einzureichen und beginnst, die Maßstäbe, nach denen du dein Leben bewertest, selbst festzulegen.


Welche Regeln trägst du noch mit dir, die nie wirklich deine waren?



Deine Claudia



Wenn dieser Gedanke noch ein wenig in dir nachhallt...


Im Newsletter von GEZEITEN teile ich regelmäßig Gedanken über Wendepunkte, Entscheidungen, Anpassung, Wahrheit und die Frage, wie wir wieder näher an das eigene Leben kommen.

Keine schnellen Lösungen. Kein Motivations-Blabla. Sondern ehrliche Beobachtungen über die Dinge, die viele Menschen längst spüren und trotzdem oft übersehen.

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