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People Pleasing ist nicht die Suche nach Liebe. Es ist die Angst vor den Folgen eines Neins.

  • 6. Juni
  • 3 Min. Lesezeit

Warum dein Ja oft nichts mit Harmonie zu tun hat









Es ist ein ganz gewöhnlicher Dienstagabend. Du sitzt auf dem Sofa, eigentlich müde genug, um den Tag langsam ausklingen zu lassen, als dein Handy vibriert. Jemand braucht etwas von dir. Nichts Großes. Ein Gefallen, etwas Zeit oder einfach nur ein offenes Ohr.


Du liest die Nachricht und merkst sofort, dass die Antwort eigentlich längst da ist.

Dein Tag war voll und wenn du ehrlich bist, möchtest du heute einfach nur deine Ruhe haben.


Doch noch bevor du antwortest, beginnt dein Kopf zu arbeiten.

Du überlegst, wie die andere Person reagieren könnte. Ob sie enttäuscht sein wird. Ob du vielleicht übertreibst. Ob du nicht doch helfen solltest. Schließlich dauert es wahrscheinlich gar nicht so lange.


Ein paar Minuten später schreibst du: „Klar, mache ich gerne.“

Die andere Person freut sich. Aber bei dir bleibt etwas zurück.

Kein großes Drama. Eher dieses leise Gefühl, das sich manchmal meldet, wenn man etwas getan hat, das nach außen richtig aussieht und sich innen trotzdem nicht stimmig anfühlt.

Viele Menschen nennen das People Pleasing.



Es geht nicht um Liebe. Es geht um Sicherheit.


Gemeint ist damit meistens die Sehnsucht nach Anerkennung, Bestätigung oder Liebe.

Aber das greift zu kurz.

Es ist auch kein Charakterfehler. Es ist eine Schutzstrategie, die verhindern soll, dass wir Ablehnung, Konflikte, Unsicherheit oder im schlimmsten Fall sogar einen Beziehungsabbruch erleben müssen.


Das Tückische daran ist, dass diese Strategie selten wie Angst aussieht. Sie trägt oft sehr sympathische Masken. Sie zeigt sich als Hilfsbereitschaft, als Verständnis, als Rücksichtnahme oder als der Wunsch, für andere da zu sein. Sie zeigt sich in Menschen, die zuverlässig sind, die Harmonie schätzen und die selten Schwierigkeiten machen.


Deshalb erkennen viele ihr eigenes People Pleasing lange nicht. Sie glauben, sie seien einfach nett.


Doch unter dieser Freundlichkeit steckt oft eine andere Frage:

Was passiert, wenn ich diesmal Nein sage?

Vielleicht ist jemand enttäuscht. Vielleicht entsteht ein Konflikt. Vielleicht verändert sich eine Beziehung. Und vielleicht steckt hinter all dem die Angst, dass ein ehrliches Nein am Ende zu etwas führt, das wir unbedingt vermeiden wollen: Distanz, Zurückweisung oder sogar einen Beziehungsabbruch.

Wer ständig Ja sagt, versucht häufig nicht, Liebe zu bekommen. Er versucht zu verhindern, sie zu verlieren.


Ich kenne das selbst nur zu gut. Rückblickend waren viele meiner eigenen Jas keine Entscheidungen für etwas. Sie waren Entscheidungen gegen einen Konflikt. Gegen die Unruhe, die entstanden wäre, wenn ich ausgesprochen hätte, was ich längst wusste. Damals erschien mir das vernünftig. Heute weiß ich, dass ich vor allem eines getan habe: Ich habe wertvolle Lebenszeit damit verbracht, einer Wahrheit auszuweichen, die längst im Raum stand.



Wenn Anpassung zur Rolle wird


Was als Schutzstrategie beginnt, wird mit der Zeit oft selbstverständlich. Man denkt nicht mehr darüber nach. Man passt sich an, nimmt Rücksicht, hält aus und funktioniert.

rgendwann entsteht daraus eine Rolle. Die Frau, die immer Verständnis hat, Rücksicht nimmt und für alle da ist.


Das Problem ist nur: Rollen werden mit der Zeit eng. Dann sitzt du in Gesprächen und hörst dich Dinge sagen, die du eigentlich gar nicht sagen möchtest. Nach außen läuft alles weiter. Innerlich entsteht jedoch nach und nach eine Entfernung zwischen dem, was du fühlst, und dem, was du lebst.



Der Preis deiner vielen Jas


Genau dort wird People Pleasing teuer. Nicht wegen eines einzelnen Jas. Sondern wegen der Summe.


Die meisten Menschen kennen den Preis eines Neins sehr genau. Sie wissen sofort, welche Gespräche entstehen könnten, wer enttäuscht wäre oder wo es unangenehm werden würde.


Was sie deutlich seltener betrachten, ist der Preis ihrer vielen Jas.

Es sind die Jahre, in denen sie sich zurückgenommen haben. Die Gespräche, die nie geführt wurden. Die Entscheidungen, die immer wieder vertagt wurden, und die Grenzen, die sie gespürt, aber trotzdem nicht gesetzt haben.


Dabei sind es oft genau diese kleinen Momente, die über die Richtung eines Lebens entscheiden.

Nicht von heute auf morgen. Eher so, wie Wasser einen Stein formt. Langsam. Fast unmerklich. Bis man irgendwann zurückblickt und sich fragt, an welcher Stelle man eigentlich begonnen hat, sich selbst aus dem Blick zu verlieren.


In den Jahren der Sterbebegleitung habe ich etwas Interessantes beobachtet: die größten Bedauern drehen sich selten um die falschen Entscheidungen, sondern um die Wege, die aus Angst nie betreten wurden.


Vielleicht beginnt Veränderung deshalb nicht mit der Frage, wie du endlich aufhören kannst, es allen recht zu machen.

Vielleicht beginnt sie mit einer anderen Frage: Wovor schützt dich dein Ja eigentlich?

Denn hinter dieser Antwort liegt oft die eigentliche Wahrheit.

Nicht die Sehnsucht nach Liebe.

Sondern die Angst vor den Folgen der Ehrlichkeit.

Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem es wirklich teuer wird.


People Pleasing ist oft kein Problem der Gegenwart.

Es ist ein Aufschieben von Wahrheit.

Und irgendwann stellt sich die Frage:

Sagst du Ja zu den Erwartungen anderer?

Oder sagst du Ja zu dir selbst?



Deine Claudia

 
 
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